Pinguine sichern Maggi Tower
Hommage für scheinbar kleine Kunstwerke
Als Superform trotzen aneinander gekuschelte Pinguine härtesten arktischen Unbill, bilden eine Trutzburg des Lebens. Im Frankfurter Museum Moderne Kunst MMK stehen sie einzeln auf vielen, hölzernen Säulen, jederzeit bereit zum Super-Ich, zur MegaForm gegen alle Herausforderungen des Lebens. Wäre es nicht eine schöne Idee, sie um das eidgenössische Lebenselixier „Maggi“, dem unverzichtbaren Begleiter deutscher Alltagskultur, zu installieren? MegaForm verschmilzt mit MegaForm?
Andy Warhol und Joseph Beuys sind allseits bekannte Eckpfeiler westlicher Kunst in der „20 Jahre Gegenwart“ Ausstellung des MMK. In der größten Sammlung Gegenwartskunst Europas (der Welt?) stechen zwei Publikumsmagneten heraus: „57 Pinguine“ vom Nordhessen Stephan Balkenhol (*10. Februar 1957, Fritzlar… daher auch exakt 57 Pinguine) und „Roter Platz“ vom Wahl-Frankfurter und Lehrer von Tobias Rehberger, Thomas Bayrle (* 7. November 1937 ).
57 kleine, majestätische, in-sich-ruhende Frackträger sind jeweils mit ihrem Podest aus butterweichem WaWa-Holz geschnitten, ähnlich wie es westkanadische Indianer mit ihren Einbäumen machen. Individuelle Gesichtszüge sind bewusst vermieden worden, um den Betrachtern persönliches Hineininterpretieren zu ermöglich. Es gilt auch hier die Erkenntnis des Suprematisten Kasimir Malewitsch: Ein Kunstwerk entsteht erst dann, wenn es betrachtet wird. Seine Skulpturen, so fürmulierte Balkenhol einst, erzählen keine Geschichten. In ihnen verstecke sich etwas Geheimnisvolles. Es wäre nicht seine Aufgabe, es zu enthüllen, sondern die des Zuschauers, es zu entdecken.
Die putzigen, ansteckend sympathischen Tuxedo-Träger sind der geheime Publikumsrenner der Ausstellung. Ebenso wie die Arbeiten des Eschenheimers Thomas Bayrle, dem deutschen Andy Warhol. Industrieverpackungen, Alltagsgegenstände und Massenkultur inspirierten in der Pop-Art nicht nur Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg oder James Rosenquist, in Deutschland war es Sigmar Polke mit 1964er Arbeiten wie: Schokoladenbild“, „Kekse“ oder Plastikwannen“. Und natürlich auch der ausgebildete Weber Thomas Bayrle, der ähnlich wie James Rosenquist auch schon mal in einer Werbeagentur arbeitete, im eigenen Verlag den noch unbekannten Sprachartisten Ernst Jandl (Hosi-Anna!, 1965) veröffentlichte.
Anfangs entnahm Bayrle seine Themen vielfach aus der Welt der Konsumgüter, der Warenwelt, … durchaus ironisch wie die Arbeiten von Mel Ramos. 1964 debütierte er auf der documenta III. Es war damals die Zeit, als die Rasterpunkte auch Roy Lichtenstein und Sigmar Polke begeisterten.

Rastertechnik Roy Lichtenstein
Oder wie Thomas Bayrle es formulierte:“Im Punkt habe ich schon immer ein Individuum gesehen – eigentlich ein abstraktes Individuum. Der Punkt ist wie ein Saatkorn, aus dem eine Pflanze wächst“ Er wolle „die Punkte emanzipieren“.
Dieses Prinzip, aus vielen kleinen Bauelementen etwas Neues, eine MegaForm, herzustellen, wird auch in der Super-Maggi-Flasche verwirklicht. In Paletten gestapelte Maggifläschchen bilden eine gut anderthalb Meter hohe Maggi-Flasche. Wie immer, ist das Kunstwerk mehrdeutig-ironisch betitelt, eine ähnliche Geisteshaltung wie bei Sigmar Polke steckt dahinter: „Roter Platz“.

Roter Platz von Thomas Bayrle. Bitte diese MegaForm heran zoomen. Merci
Von oben betrachtet wirkt das Meer von roten Maggi-Hütchen wie der monochrome Platz in Moskau, auf der sich der im Zuckerbäckerstil erbaute Wolkenkratzer der Lomonossov-Universität erhebt. Aber in der Warenwelt ist es eine große Maggi-Flasche, die als ÜberForm hier zu sehen ist.
Schmunzeln werden viele Männer, wenn sie Bayrles Portrait einer Frau etwas näher betrachten, …geformt aus hunderten, winzigen Telefonen.
Alle Fotos: vrs
Ausgesuchte Quellen:
Stephan Balkenhol, 57 Pinguine, 1991. © VG Bild-Kunst, Bonn 2011
Thomas Bayrle, Roter Platz, 1982/1996. © VG Bild-Kunst, Bonn 2011
Roy Lichtenstein, We Rose Up Slowly, 1964. © VG Bild-Kunst, Bonn 2011
(Alle drei Werke im MMK-Besitz).
www.db-artmag.de/archiv/2008/d/5/1/627.html
www.mip.at/attachments/197



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